Wie ein Mehrfamilienhaus an der Ostsee zum Modellprojekt für modernes Wohnen wurde

Mehrfamilienhaus an der Ostsee mit modernster Hybridheizungsanlage

Die Brüder Mathias und Thomas Jäniche haben sich an der Ostsee einen Lebenstraum verwirklicht: Gemeinsam bauten sie einen großen Altbau in ein ökologisches Refugium mit modernster Hybridheiztechnik für drei Familien um. Unser Blogger Marc hat mit Mathias Jäniche über das faszinierende Projekt gesprochen.

Familie Jäniche lebt, wo andere Urlaub machen. Ihr Heimatort Bastorf liegt eingerahmt zwischen den Seebädern Rerik und Kühlungsborn nur zwei Kilometer vom einladenden Ostseestrand entfernt. Von ihrem Grundstück können Besucher den Blick am Bastorfer Leuchtturm vorbei bis zur Insel Fehmarn schweifen lassen. Doch so idyllisch die Lage auch ist, für die Hausbesitzer stellt sie eine Herausforderung dar. Denn über die karge Küstenlandschaft weht oft eine steife Brise, die das auf einer kleinen Erhebung gelegene Haus besonders im Winter wie ein kalter Dauerstrom erfasst.

Die Heizkosten explodierten: „Wir müssen jetzt irgendwas machen“

Wer hier wohnt, weiß den Komfort einer guten Heizung zu schätzen. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Mathias Jäniche nicht lange zögern muss, als ich ihn danach frage, wie das ganze Projekt damals ins Rollen kam: „Ausgangslage war der steigende Ölpreis. Wir haben ein sehr altes Haus. Es wurde 1902 erbaut und stand, bevor wir es nach der Wende gekauft haben, auch noch sehr lange leer.“ Zum Erstbezug 1992 renovieren die technisch versierten Brüder das Haus mit einer Wohnfläche von 360 Quadratmetern noch in Eigenregie.

Da das Haus sehr dicke Wände hat, erschien es ihnen zum damaligen Zeitpunkt ausreichend, bei der Wärmegewinnung allein auf die Ölheizung zu setzen. In den Folgejahren wurde die Ölheizung jedoch – trotz zwischenzeitlicher Modernisierung – zunehmend zum Kostenfaktor: „Wir hatten im Keller Tanks, die 8.000 Liter Öl fassten. Und als es in den Jahren 2009 und 2010 diese beiden kalten Winter gab, haben diese 8.000 Liter nicht mal mehr für ein ganzes Jahr gereicht. Und da außerdem der Ölpreis immer weiter stieg, haben wir uns gesagt: ‚Wir müssen jetzt irgendwas machen.‘“

Zweite Renovierung: Vom Altbau zum KfW-100-Standard

Die Jäniche-Brüder sind von Haus aus Techniker und seit Jahren in der Windkraftbranche tätig. Ihre erste Idee zur Senkung der Heizkosten besteht darin, die Ölheizung durch eine Erdwärmeheizung zu ersetzen. Sie lernen jedoch schnell, dass Erdwärme bei ihrem Haus und ihrem Standort sowohl unter ökologischen als auch unter finanziellen Gesichtspunkten keine sinnvolle Option ist. Stattdessen kommt die Frage auf, „ob wir den Energieverbrauch, den wir zum Heizen haben, nicht erst einmal runterkriegen sollten“.

Im Klartext bedeutet das: Um wirklich Heizkosten zu sparen, reicht es nicht aus, nur bei der Heizung anzusetzen. Für die Jäniches steht zu diesem Zeitpunkt fest, dass sie eine ganzheitliche Lösung für ihr Haus benötigen – und dass sie damit an einem Punkt angelangt sind, an dem selbst ihr technisches Knowhow nicht mehr ausreicht: „Wir haben uns überlegt, wie wir am besten anfangen sollen und haben uns als erstes einen Energieberater geholt.“ Gemeinsam mit dem Energieberater fällen sie dann eine wichtige Entscheidung: „Wir bauen das Haus auf KfW-100-Standard um!“

Um das zu erreichen, setzen die Jäniches eine lange Liste von Maßnahmen um: Sie tauschen die Fenster aus und versetzen sie nach außen, damit keine Kältebrücken entstehen. Alle Außenwände bekommen eine dicke Dämmschicht, die sich bis ins Erdreich zieht. Zusätzlich werden auch das Dach und die Kellerräume gedämmt.

Der ideale Mix: Moderner Brennwertkessel und Sonnenenergie

Parallel dazu bauen die Jäniches ihre Energieversorgung um. Die Ölheizung aus dem Jahr 2000 wird durch ein modernes, zweistufiges Brennwertgerät ersetzt, das eine Energieeffizienz von bis zu 98 Prozent ermöglicht. Dem modernen Kessel stellen sie auf dem Hausdach zunächst eine Röhrenkollektoren-Solarthermieanlage mit 11,5 Quadratmetern Fläche zur Seite. Damit muss die Ölheizung nur noch dann einspringen, wenn die Sonnenenergie nicht ausreicht, um das Heizsystem zu bedienen. Später kommt auch noch Photovoltaik hinzu.

Solarthermieanlage auf dem Hausdach
Eine Solarthermieanlage auf dem Dach der Jäniches liefert einen Teil des Heizstroms für das Mehrfamilienhaus

Das Herzstück dieses komplexen Systems befindet sich direkt neben der Heizungsanlage im Keller des Wohnhauses. Es besteht aus zwei Heizungspufferspeichern, die jeweils 600 Liter beinhalten. In ihnen wird die Energie der verschiedenen Quellen gespeichert und bei Bedarf abgegeben. Das Erhitzen des Brauchwassers geschieht durch einen Platten-Wärmeübertrager: Warmes Wasser für Küche oder Bad muss damit nicht in einem Tank vorgehalten werden, sondern wird immer ganz frisch im Durchflussverfahren erzeugt.
Mit dem Ergebnis ist Mathias Jäniche überaus zufrieden: „Durch die gesamte Modernisierung halbierte sich unser Heizölverbrauch von durchschnittlich etwa 7.000 auf 3.500 Liter pro Jahr.“ Positiver Nebeneffekt: Der geringere Öl-Verbrauch führt dazu, dass Familie Jäniche das Volumen der Öltanks im Keller deutlich reduzieren kann. Statt der Monstertanks mit 8.000-Liter-Volumen reihen sich nun vier schlanke 1.000-Liter-Batterie-Tanks an einer Kellerwand auf.

Treibhausgasreduziertes Heizöl bessert die Umweltbilanz noch weiter auf

Für seinen Energieberater ist Matthias Jäniche voll des Lobes: Er begleitet die Bauherren während der gesamten Modernisierung als kompetenter Berater – und hat in der Anfangsphase einen genialen Einfall: „Kurz nach einem unserer Gespräche, als er schon wieder auf dem Weg zurück in sein Büro war, rief er mich noch einmal an und sagte: ‚Herr Jäniche, ich habe eine Idee, vielleicht wäre das ja etwas für Sie.‘ Und dann schlug er uns vor, bei der damaligen Aktion „Energie-Gewinner“ vom Institut für Wärme und Mobilität (IWO) mitzumachen, bei der ausgewählte Modernisierungsobjekte mit Zuschüssen unterstützt wurden.“ Die Brüder sind sofort begeistert, erstellen die Bewerbungsunterlagen – und zählen kurz darauf zu den Energiegewinnern.

So entsteht ein langfristiger Kontakt zum IWO, der in den kommenden Jahren dazu führt, dass die Jäniches noch an zwei weiteren Zukunftsprojekten des IWO teilnehmen: Das erste ist ein über etwa zwei Jahre laufendes Power-to-Heat-Pilotprojekt, das aufzeigt, wie gut sich ölbasierte Hybridheizungen mit dieser Technologie verbinden lassen. Der Grundgedanke von Power-to-Heat ist, regenerativ erzeugten Strom zum Heizen zu verwenden, sobald ein Überangebot auf dem Strommarkt herrscht. Das schöpft die erneuerbaren Stromerzeugungskapazitäten optimal aus.

Das zweite von IWO initiierte Demoprojekt betrifft das Heizöl, das bei Jäniches in den Tank kommt. Erst vor kurzem ließen sie ihre Öltanks bereits zum vierten Mal mit treibhausgasreduziertem Heizöl betanken. Der eingesetzte flüssige Energieträger wurde in erster Linie aus biogenen Reststoffen, beispielsweise Altspeisefetten, gewonnen, deren Erzeugung nicht in Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln steht. Treibhausgasreduziertes Heizöl verbessert nicht nur noch einmal den ökologischen Fußabdruck einer Hybridheizung. Es eignet sich auch – das hat das Demoprojekt gezeigt – sehr gut für das vorhandene Öl-Brennwertgerät: Vor der letzten Lieferung gab es noch einmal eine Kesselwartung und der Installateur bestätigte uns: ‚Alles einwandfrei!‘“

Nach zehn Jahren: Happy End im eigenen Wohlfühlhaus

Zehn Jahre ist es nun schon her, dass sich Mathias und Thomas Jäniche an die zweite Modernisierung ihres Hauses in der Mecklenburger Bucht gemacht haben. Ihre Bilanz fällt uneingeschränkt positiv aus. „Der Wohlfühlfaktor im Haus ist deutlich gestiegen.“ Zwar glich ihr Haus zeitweise einer Baustelle, aber rückblickend hat sich die Mühe gelohnt: „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir jetzt im Herbst unser Haus zum zweiten Mal bezahlt haben.“ Und das gilt nicht nur für die finanzielle Seite: „Durch die Modernisierung ist alles besser geworden. Das fängt mit den Fenstern an, die nicht nur thermisch besser isoliert sind, sondern auch einen besseren Schallschutz gegen den Wind mitbringen.“

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Als letztes frage ich Herrn Jäniche, was er Hausbesitzern empfehlen würde, die modernisieren wollen. Für die Antwort muss er nicht lange überlegen. Zwei Dinge sind es, zu denen er raten würde. Der erste Punkt betrifft die Heizung selbst: „Wenn ich noch mal meine Ölheizung erneuert müsste, würde ich auf jeden Fall wieder Solarthermie dazu bauen. Denn der Effekt ist wirklich groß: Im Sommer erhitzt die Solarthermieanlage das Wasser in den Energiespeichern auf bis zu 70 Grad Celsius. Selbst an einem sonnigen Tag im Winter sind es immer noch 50 Grad.“

Noch mehr am Herzen liegt ihm jedoch der zweite Tipp: „Das Wichtigste ist ein Experte, der einem zur Seite steht. Denn man braucht bei so einem komplexen Projekt jemanden, der sich mit allen Details von der Technik bis zu den Förderprogrammen auskennt. Nach unserer Erfahrung sollte man sich nicht scheuen, wenn diese Person vielleicht zwei- bis dreitausend Euro kostet. Denn das Geld hat man schnell wieder eingespielt.“

Kurz & knapp:
Mathias und Thomas Jäniche haben ihr 1902 gebautes Mehrfamilienhaus an der Ostsee zu einem modernen Niedrigenergiehaus mit Hybridheizung umgebaut. Dank modernster Technologien und der Verwendung von treibhausreduziertem Heizöl ist ihr Haus ein gelungenes Beispiel für die gelebte Energiewende. Detaillierte technische Informationen zum Mehrfamilienhaus in Bastorf findet ihr hier: https://www.zukunftsheizen.de/fileadmin/user_upload/Downloads/IWO-Flyer_Objekt_Bastorf.pdf.

Über diesen Autor


Marc, 46, lebt in Hamburg in Hafennähe. Klimaschutz ist ihm sehr wichtig. Er wünscht sich dabei aber eine Debatte, die stärker die Gestaltungsspielräume für unsere Zukunft auslotet.

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