Waste-to-Liquid – Kraftstoffe aus Abfall

Plastikmüll

Klimaschonende Kraft- und Brennstoffe – und das aus Abfällen? Klingt zu schön, um wahr zu sein. Doch die Zukunft scheint das Recycling von Müll und Reststoffen in neue Bahnen zu lenken. Mit der Waste-to-Liquid-Methode werden Abfälle aus Haushalten, Industrie und Gewerbe sowie auch Reststoffe aus Kläranlagen oder der Agrar- und Forstwirtschaft zu flüssigen Brenn- oder Kraftstoffen recycelt. Unser Blogger Marc erklärt dir, wie die Technologie funktioniert und welchen Stellenwert sie im Rahmen der Klimawende haben kann.

Wenn ich einkaufen gehe, nehme ich immer meine eigenen Jutebeutel mit, um nicht extra die Papiertüten im Supermarkt kaufen zu müssen. Lebensmittel (gerade Obst und Gemüse) in Plastikverpackungen müssen bei mir auch nicht unbedingt sein. Denn im Endeffekt landen die Verpackungen und Tüten nach kurzer Verwendung ohnehin wieder im Müll. Wir Menschen produzieren zu viel Abfall und wissen nicht, wohin damit.

Was machen wir also mit dem Müll? Eine Freundin, Eva, hatte mich letztens auf das Thema aufmerksam gemacht. Sie geht gern in Unverpackt-Supermärkten einkaufen und legt ihren Fokus zunehmend auf die Müllreduzierung. Allerdings kann der Durchschnittsmensch von heute nicht in allen Lebensbereichen verhindern, dass Abfall entsteht. Es geht also nicht nur um eine verminderte Müllerzeugung, sondern auch um eine möglichst fachgerechte, nachhaltige Entsorgung.

Doch was passiert z.B. mit dem Plastikmüll in Deutschland? Eva hat mir auf diese Frage hin die harten Fakten des BUND vorgelegt: Nach den USA und Japan war Deutschland 2018 der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll nach Asien. Dabei handelte es sich um 20 Prozent der insgesamt in Deutschland produzierten Kunststoffabfälle. Uff. Das muss erst mal sacken. Statt uns um unseren Abfall selbst zu kümmern, schicken wir ihn weg. Dabei ließen sich aus Müll tolle nachhaltige Brennstoffe herstellen.

Wie aus Erdöl Kunststoff und aus Kunststoff wieder Rohöl wird

Kunststoffe werden zum größten Teil synthetisch hergestellt und bestehen hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffverbindungen (Erdöl, Kohle und Erdgas). Das ist nicht besonders nachhaltig und der dabei anfallende Kunststoffabfall birgt erhebliche Umweltrisiken. Doch eine Welt ganz ohne Plastik ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Gesucht sind daher Wege, einerseits den Bedarf an Kunststoff auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig durch Recycling eine möglichst umweltfreundliche Entsorgung zu sichern.

Die Waste-to-Liquid-Methode bietet eine besonders clevere Lösung für die Frage: Wohin mit dem ganzen Plastikabfall? Denn sie verarbeitet den Müll sogar zu einem wertvollen Treibstoff. Einer der Vorreiter hierfür ist der Energiekonzern OMV, der ein Verfahren entwickelt hat, das Plastikabfälle inklusive Restkunststoffe in synthetisches Rohöl umwandelt. Dabei werden Kunststoffe in geeignete Bausteine zerlegt, aus denen wieder neue Kunststoffe oder hochwertige Treibstoffe entstehen können – und das ganz ohne fossiles Öl. Das von OMV genannte ReOil®-Verfahren nutzt gebrauchte Plastikverpackungen und -folien aus Polyethylen, Polypropylen oder Polystyrol. Die Kunststoffe werden unter moderatem Druck bei 400 °C zu synthetischem Rohöl verflüssigt. Dieses lässt sich zusammen mit mineralischem Rohöl zu flüssigen Kraft- oder Grundstoffen für die chemische Industrie raffinieren. Dabei ist das daraus produzierte Rohöl sogar besonders hochwertig: Es ist leichter als fossiles Rohöl, wasserstoffreicher und schwefelfrei. Aus einem Kilogramm Abfall entsteht so ein Liter Kraftstoff.

Die ReOil®-Technologie bietet demnach neue Möglichkeiten zur Erzeugung treibhausgasreduzierter Kraftstoffe. Doch nicht nur Plastikabfall birgt dieses Potenzial.

Klärschlamm
Auch aus Klärschlamm lässt sich Kraftstoff herstellen

Klärschlamm: So wird daraus Benzin und Diesel

„Thermo-katalystisches Reforming“ (TCR®) heißt das Prinzip, nach dem im oberpfälzischen Hohenburg CO2-neutraler Kraftstoff aus Abfallbiomasse entsteht. Ausgangsprodukt ist hierbei der Klärschlamm, der in den Kläranlagen Deutschlands anfällt. Dieser lässt sich nach dem neuesten Stand der TCR®-Technologie in unterschiedliche Arten von Restbiomasse umwandeln, wie insbesondere auch in Bio-Rohöl. Aus letzterem lassen sich anschließend hochwertige Kraftstoffe herstellen. Neben Klärschlamm werden auch Gärreste aus Biogasanlagen, Holzverschnitt, Landschaftspflegematerial, Schlamm aus dem Papierrecycling sowie Bioabfallfraktionen, Stroh und andere agrarwirtschaftliche Reststoffe genutzt. Die dadurch umgewandelten Produkte sind klimaneutral, da alle biobasierten Ausgangsprodukte während ihres Wachstums den Kohlenstoff aus der Atmosphäre eingebunden haben, der dann bei der Verbrennung als Kraftstoff als CO2 frei wird.

Klimaneutrales Dieselsubstitut
Die moderne Forschung nutzt Abfälle zur Kraftstoffherstellung

Diesel aus Altfett – oder auch: Kraftstoff aus der Imbissbude

Wer hätte das gedacht: Gebrauchtes Frittierfett hat es in sich. Das Abfallprodukt aus Imbissbuden eignet sich ebenso hervorragend als Rohstoff für ein klimaneutrales Dieselsubstitut. Zum Beispiel der sogenannte „R33 Diesel“ besteht zum Teil aus solchen biologischen Komponenten und ist bereits an ausgewählten Tankstellen verfügbar. Dieselfahrer reduzieren bei der Nutzung des neuartigen Treibstoffs bis zu 25 Prozent ihrer Treibhausgasemissionen. „R33 Blue Diesel“ besteht nämlich nur noch zu 67 Prozent aus fossilem Diesel. Der Rest stammt aus regenerativen Quellen. Und da kommt auch das Altfett ins Spiel: Hydriertes Pflanzenöl (HVO), welches aus gebrauchtem Speise- oder Frittierfett zu paraffinischem Öl verarbeitet wird. Es lässt sich ausgezeichnet mit normalem Dieselöl und Biodiesel vermischen und zeigt dabei sogar besonders positive Anwendungseigenschaften im Motor oder Heizkessel.

Kerosin aus Abfällen: Nachhaltiger Fliegen

Für die Mobilität an Land und auch für die Heizung werden heute häufig Alternativen wie E-Mobilität oder Strom-Wärmepumpen als klimaschonende Lösungen diskutiert. Aber was ist mit der Luftfahrt? Diese ist besonders auf „grüne“ flüssige Energie angewiesen, da Batterien wegen des notwendigen Volumens und Gewichts hier mehr oder weniger ausscheiden. Daher wird an klimafreundlichen Flugtreibstoffen ebenso intensiv gearbeitet. Im Osten Englands ist für 2024 eine Fabrik zur Herstellung von treibhausgasreduziertem Kerosin geplant. Diese wäre die europaweit erste ihrer Art. Ziel ist es, aus Haus- und Gewerbeabfall nachhaltigeres Kerosin zu produzieren. Jährlich sollen dafür eine halbe Million Tonnen nicht recycelbarer Abfälle genutzt werden, was Deponien und Müllverbrennung entlasten würde. Beispiele hierfür sind Verpackungen, Windeln und Einweg-Kaffeebecher. Das moderne Verfahren wandelt ein Gasgemisch aus Kohlen- und Wasserstoff in flüssige Kohlenwasserstoffe um, die man zur Produktion nachhaltiger Kraftstoffe benötigt. Gegenüber konventionellem fossilem Kerosin sinken die Treibhausgasemissionen dabei um 70 Prozent. Auch die Luftqualität soll durch den Kraftstoff verbessert werden. Der Ruß der Flugzeugtriebwerksabgase kann nach Herstellerangaben um bis zu 90 Prozent und die Emission von Schwefeloxiden sogar um fast 100 Prozent reduziert werden. Ähnliches soll für Treibstoffe im Straßenverkehr gelten, an denen nach diesem Verfahren ebenso geforscht wird.

Über diesen Autor

Marc, 46, lebt in Hamburg in Hafennähe. Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist ihm sehr wichtig. Dabei spielen Müllverwertung und regenerative Brennstoffe für ihn eine wichtige Rolle.

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