Viel Schaum um nichts? Der neue Matratzen-Hype

Deine Matratze hat jetzt einen Vornamen! Casper, Emma, Bruno, Felix, Eve oder Muun heißen die Bettpolster heute – und sind ein smartes Lifestyle-Produkt. Unser Gastblogger Tom fragt sich: Wie konnte die Matratze aus ihrem Bettenlager-Gefängnis entkommen und die Schlafzimmer der digitalen Nomaden erobern? Sein eigenes übrigens auch…

Die digitale Revolution verändert, wie wir reisen, kochen, arbeiten, Musik hören, fernsehen und vieles mehr. Den wachen Teil unseres Lebens hat sie schon übernommen – jetzt erobert sie auch noch unseren Schlaf!

Es fing an mit Nachtruhe-Apps wie Snore Clock, Nature Sound Relax and Sleep, Sleep Better, Beddit und Wake N Shake. Sie wiegten uns mit meditativen Lauten in den Schlaf, überwachten unsere nächtlichen Ruhestunden, verhinderten Schnarchen, registrierten Tiefschlafphasen und weckten uns zum richtigen Zeitpunkt. Das klappte mal mehr, mal weniger gut – ging uns Selbstoptimierern von heute aber natürlich schon lange nicht mehr weit genug. Deshalb lassen wir jetzt zu, dass auch das letzte Refugium der analogen Welt zum irgendwie digital angehauchten Lifestyle-Produkt wird: die Matratze.

Matratzen kauft man jetzt im Internet

Früher war sie neben Heizkörper, Herd und Klobürste das einzige Möbelstück in unserer Wohnung, um das wir uns nicht richtig kümmerten, das irgendwie uncool war. Wir kauften die Matratze in schäbigen Funktionsbauten mit Rabatt-Postern im Fenster und Neonröhren im Inneren. Die Bettenlager standen natürlich das ganze Jahr über vor der Pleite und gaben deshalb Restbestände zu unglaublich reduzierten Preisen ab.

Wer die Testschlaf-Tempel nicht betreten wollte, konnte stattdessen in feinen Traditionsläden bei Top-Experten irre teure Hightech-Matratzen ordern – und sich mit Begriffen beschäftigen wie Federkern, Viscoschaum, Kaltschaum, Latex, Versteppung und Härtegrad. Das war informativ und wichtig, richtig cool war es aber nicht.

Bis „Die Matratze Deines Lebens“ auf den Markt kam. Casper dominiert seit 2014 per Werbeeinblendung die Social-Media-Streams von digitalen Nomaden in den USA. Damals hatte die Filmstars Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire in das US-Unternehmen investiert. Magazine wie „The New Yorker“ widmeten Casper und Konkurrenzprodukten wie Leesa, Keetsa, Nectar, Helix und Lull in den USA ganze Trend-Geschichten. Die „Matress disruption“ war geboren, nicht mehr und nicht weniger als die „Erschütterung“ des traditionellen Matratzenmarktes!

Wenig später kam Casper auch in Deutschland gut an (Slogan: „Du lebst, wie du schläfst.“). Und inzwischen gibt es auch hier Konkurrenten, wie zum Beispiel Muun.

Die haben in Berlin-Mitte einen Flagshipstore für ihr „Schlafprodukt einer neuen Generation” und bieten dazu ein eigenes hippes Online-Lifestyle-Portal namens „Snore – A magazine by Muun“. Dort sprechen Faces, also Hipster, Skateboarder und Influencer, über ihre Lieblingsplätze von Pisa bis Marrakesch – und lassen hin und wieder zwischen Fotos im lässigen Juergen-Teller-Style ihre Erfahrung mit Muun einfließen.

Und was liest man im Bett? Natürlich das Magazin zur Matratze!

„Snore” liefert Buchtipps zum richtigen Einschlafen, und ein Berliner Koch gibt Hilfestellung für das perfekte Frühstück im Bett („Makrelen mit Eiern“). Ein Magazin für eine Matratze? Nicht ungewöhnlich, Matratzen-Industrie-Erschütterer Casper leistete sich in Amerika sogar einen hippen gedruckten Heft-Ableger namens „Woolly“. Durchaus selbstironisch („Na komm schon, es ist ein Heft, das von einer Matratze publiziert wird“) wird dort ein Loblied auf bequeme Hosen gesungen, die Geschichte des Schnarchens analysiert und Work-outs für Introvertierte gezeigt. Die Marketing-Welle funktionierte ausgezeichnet: Einige der Matratzen-Portale zeigen heute stolz Pressespiegel auf ihren Websites, in denen kräftig aus Trend-Artikeln in „Süddeutsche Zeitung“ oder „Handelsblatt“ zitiert wird.

Die Penn-Portale offerieren im Web das, was früher der Verkäufer im Shop lieferte: Beratung. Per Online-Fragenkatalog findet unsere zukünftige Liegefläche heraus, ob wir allein oder zu zweit auf ihr liegen. Sie will wissen, ob wir Rücken- oder Seitenschläfer sind (Bauchschläfer haben bei ihr keine Chance) und wir im Bett eher frieren oder schwitzen. Danach weist sie uns Charaktereigenschaften zu. Sind wir „Der Freigeist“, „Der Entspannte“, „Der Unterhalter“ oder „Der Getriebene“? Ganz schön intim!

Aber wie wurde die Matratze überhaupt zum Lifestyle-Produkt mit Instagram-Account und Online-Magazin? Wie bei – fast – allen Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte ist das Internet schuld. Mit viel Start-up-Geld, E-Commerce und dem Drang zur Zuspitzung. Produkte werden heute online auf Qualität und Bewertungen gecheckt – und dann direkt von der Quelle geordert. Wer braucht da noch einen Zwischen-, also Matratzenhändler? Dem Überangebot beim Bettenhaus wird eine radikale Vereinfachung entgegengesetzt: Beim One-Product-Shop gibt es nur EINE Sache: die beste Rasierklinge! Die beste Elektrozahnbürste! Die beste Matratze! Kein Wunder, denn: „Guter Schlaf ist die Mission des gesamten (…) Teams“ und „Mit der Entwicklung der (…) haben wir eine neue Technologie entwickelt, die Dein Schlaferlebnis revolutioniert“. Das Ergebnis: „Die Beste jemals getestete Matratze.“

Umständliches Probeliegen entfällt, schließlich ist das Produkt ja perfekt konfektioniert: Das suggeriert zumindest die smarte Online-Shop-Oberfläche. Auch das Nachhauseschleppen des Giganten ist nicht nötig – „Casper“ & Co werden natürlich direkt angeliefert und können 100 Tage lang getestet werden.

Alarm: Die Deutschen kaufen nur alle acht Jahre eine neue Matratze…

Hurra! Die Matratze wurde gentrifiziert! Und natürlich haben alle Matratzen Social-Media-Kanäle und zeigen dort, wie fröhliche Eltern Matratzen auspacken und ihre Kinder darauf herumhüpfen. Mit Welpen-Bildern und geschickt platzierten Verlosungen haben einige dieser Kanäle sich Hundertausende von Facebook-Fans erschlafen.

Allerdings: Die Deutschen kaufen sich nur durchschnittlich alle acht Jahre eine neue Matratze. Zu wenig für ein gutes Geschäftsmodell. Aber auch hier haben die Matratzen-Manager nicht gepennt: Fast alle Anbieter erweitern ihr Sortiment und bieten auch andere Produkte an – natürlich mit eigenen Image-Filmen und Lookbooks. Sie heißen etwa „Das Kissen“, „Die Decke“ und „Die Bettwäsche“. Und wieder ist hier Casper der Trendsetter. Der aktuell attraktivste Neuzugang in dessen Online-Shop: das Hundebett.

Einige der neuen Anbieter:

casper.com
www.bett1.de
www.emma-matratze.de
www.brunobett.de
www.felix-matratze.de
www.evemattress.de
muun.co

Diesen Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.