Mobilität in Corona-Zeiten: Wie das Virus unser Verhalten verändert

Frau mit ATemschutzmaske auf Bahnsteig

Mehr individueller Autoverkehr, weniger ÖPNV, immer mehr Fahrräder: Corona verändert unser Mobilitätsverhalten nachhaltig. Wo geht die Reise hin? Wohnblogger Nico hat sich darüber Gedanken gemacht, warum Experten die Zukunft des Verkehrs plötzlich ganz neu einschätzen und welche Folgen das haben könnte.

Arbeiten im Homeoffice, abgesagte Urlaubsreisen, kaum Kulturveranstaltungen: Die Corona-Krise hat unser Leben in den letzten Monaten ganz schön durcheinandergewirbelt. Ich will hier aber nicht jammern, denn die Auswirkungen, die meine Freundin und ich zu spüren bekommen haben, sind vergleichsweise glimpflich. Bei Bekannten, die sich vor ein paar Jahren in das Abenteuer Gastronomie gestürzt haben, sieht das ganz anders aus. Was uns jedoch alle eint, ist die Hoffnung auf eine Rückkehr zur alten Normalität. Aber kann es die wirklich geben?

Wir haben uns in den vergangenen Wochen oft mit Freunden über die Auswirkungen der Pandemie unterhalten und sind dabei immer wieder bei einer Frage hängengeblieben: Welche Auswirkungen hat sie auf unsere Mobilität? So hat meine Freundin, die früher liebend gern mit Rad und Bahn zur Arbeit gependelt ist, bei der Rückkehr aus dem Homeoffice festgestellt, dass ihr die Lust am Bahnfahren in engen Zugabteilen vergangen ist. Auch sind wir derzeit völlig unsicher, wie wir im nächsten Jahr in den Urlaub reisen wollen: Flieger, Bahn, Auto – oder machen wir lieber eine Radtour durch Deutschland? Auch deshalb habe ich recherchiert, wie Verkehrsexperten derzeit die Zukunft der Mobilität im Jahr 2020 sehen, und bin dabei auf einige interessante Ergebnisse gestoßen.

Bye, bye Bahn: Der subjektive Eindruck täuscht nicht

So, wie meiner Freundin, geht es in der Corona-Krise vielen Menschen in Deutschland: Die Bahn hat als Verkehrsmittel stark an Attraktivität verloren. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die MOBICOR-Erhebung. Das ist eine repräsentative Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben wurde. Für diese Erhebung wurden Daten von 1.500 Menschen für die Monate Mai und Juni ausgewertet. Aus diesen Daten lassen sich zwei interessante Trends ablesen: Zum einen waren die Menschen nach dem harten Lockdown im Frühjahr schon einen Monat später fast wieder genauso viel unterwegs wie davor, zum anderen erlebte in den Städten der Fuß- und Radverkehr einen Boom – und der Autofahreranteil ist ebenfalls signifikant angestiegen: So wurden im Juni 2020 fast zehnmal so viele Wege mit dem Auto zurückgelegt wie mit Bus oder Bahn, während es im Jahr 2017 nur sechsmal so viele waren.

Hingegen steht dem ÖPNV, also Bussen und Bahnen, nach Ansicht der Mobilitätsforscher keine allzu rosige Zukunft bevor: Durch die Maskenpflicht hat sich das persönliche Wohlbefinden bei der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln verschlechtert und diese noch weniger attraktiv gemacht. Die Forscher stellen sogar die düstere Prognose, dass der ÖPNV, auf den viele ja weiterhin angewesen sind, immer mehr zum Verkehrsmittel weniger privilegierter Menschen werden könnte, während – so die Studie – „unter den ‚oberen Zehntausend‘ gegenwärtig kaum jemand mehr öffentlich fährt“. Die Autoren der Studie fordern deshalb (und meiner Meinung nach zu Recht), dass die Betreiber von Bussen und Bahnen ihre Fahrgäste in Corona-Zeiten viel besser schützen müssen und zusätzlich die Aufenthaltsqualität an Haltestellen verbessern sollten.

Mann und Frau mit Abstand und Atemschutzmasken in Straßenbahn
Der öffentliche Personennahverkehr ÖPNV zählt zu den eindeutigen Verlierern der Corona-Krise …

Ist mehr Individualverkehr die Zukunft der Mobilität nach Corona?

Interessant fand ich auch eine Auswertung der Unternehmensberatung Deloitte zum Thema. Ihre These: Der Individualverkehr wird nach der Corona-Krise weiter an Beliebtheit zunehmen, während alle öffentlichen Fortbewegungsmittel wie Busse, Bahnen und Taxen bei den Menschen an Attraktivität einbüßen. Auf Grundlage einer in der Schweiz durchgeführten Befragung stellen sie die Prognose, künftig werde jeder vierte unter 30-jährige häufiger mit dem Auto unterwegs sein. Aber durch Corona wird nicht nur der ÖPNV geschwächt und werden Verkehrsmittel wie das Auto und das Fahrrad gestärkt, die Krise könnte laut Deloitte auch zu einem Boom der sogenannten „Sharing Economy“ mit Mieträdern, E-Rollern und Co. führen. Ich finde diese These überaus schlüssig, wenn ich mir ansehe, wie viele Freunde und Bekannte aus Hamburg in den letzten Monaten praktisch über Nacht Kunden eines neuen Anbieters von Mietfahrrädern geworden sind.

Leih-Fahrräder im Ständer
… während Leihrad-Services in diesen Tagen ein Riesen-Geschäft machen.

Für große Städte stellt sich dann natürlich die Frage, wie sie auf diese Veränderungen reagieren sollen. Am Beispiel von Hamburg, in das wir Landeier aus unserer Sonnenresidenz regelmäßig pendeln, lassen sich dabei erste Entwicklungen ablesen. Zum einen entstanden in der Hansestadt wie in vielen anderen Städten in den letzten Monaten drei Pop-Up-Radwege, durch die Straßenspuren, die früher dem Autoverkehr zur Verfügung standen, für Radfahrer reserviert wurden. Zum anderen hat die Verkehrsbehörde in Hamburg damit begonnen, in immer mehr Stadtvierteln vormals freien Parkraum in kostenpflichtigen umzuwandeln. Während Anwohner gegen eine geringe Gebühr einen Park-Ausweis für ihre lokale Zone erhalten, sollen wir Stadtbesucher so über den Geldbeutel davon abgehalten werden, mit dem Auto zu kommen. Diese beiden Maßnahmen zeigen nach meiner Meinung eine Entwicklung auf, die urbane Mobilität in den nächsten Jahren durch die Zunahme des Individualverkehrs mehr und mehr prägen könnte: Zwischen den Verkehrsteilnehmern droht ein Verteilungskampf um die wertvolle Stadtfläche.

Eingeschränkte Mobilität auf Reisen durch Corona – und danach?

Neben der Arbeit zählte die Urlaubsfrage in diesem Jahr sicherlich zu den Themen, die bei der Mobilitätsfrage am stärksten von Corona geprägt wurde. Auch hierzu habe ich eine Befragung gefunden, vom Institut für Verkehrsforschung in Berlin. Sie zeigt, dass ein Drittel aller Menschen in diesem Jahr eine gebuchte Reise stornieren musste und dass der größte Verlierer in Sachen Mobilität nicht die Bahn ist, sondern – wenn auch nur ganz knapp – das Flugzeug: 38 Prozent aller Befragten geben hier an, sich in Corona-Zeiten in diesem Verkehrsmittel deutlich unwohler zu fühlen als zuvor. Was ich an dieser Studie außerdem interessant finde: Carsharing, worunter auch der Urlaub mit Mietwagen fällt, hat durch Corona ebenfalls ein wesentlich schlechteres Image bekommen.

Mit unserer Urlaubsneuplanung, einem Kurztrip mit dem eigenen Auto an die Ostsee, lagen wir in diesem Jahr also voll im Trend. Wie ich oben schon geschrieben habe, sind wir uns derzeit aber überhaupt nicht sicher, wie wir den Urlaub im nächsten Jahr angehen werden. Wollen wir uns noch einmal den Frust und Stress einer stornierten Reise antun? Was ich sagen kann, ist, dass uns Corona beim Thema Urlaub grundsätzlich zum Nachdenken gebracht hat. Zwar waren Pauschalreisen noch nie unser Ding, aber wir überlegen, ob wir unseren Urlaub nicht auch ganz anders nutzen könnten. Zum Beispiel als eine intensive Zeit im heimischen Garten (ich gebe zu, dass wir als Hausbesitzer noch nicht so richtig ins Gärtnern eingestiegen sind, sodass sich daraus wirklich ein Abenteuerprojekt entwickeln könnte). Oder unsere Sommerreise wird ein Aktivurlaub der besonderen Art: Eine Bekannte erzählte uns neulich davon, wie sie während der Weinlese zwei Wochen auf einem Bioweingut mitgearbeitet hatte.

Welche Folgen hat Corona für die Mobilität?

Die Krise macht für mich deutlich, dass wir neue Mobilitätskonzepte benötigen, die besser auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten sind. So sollte der Individualverkehr mit Auto und Rad ein wichtiger Baustein der Mobilität der Zukunft bleiben. Wird der Raum in Städten gleichzeitig immer knapper, müssen wir stärker auf technologische Lösungen setzen, die für eine effektivere Nutzung von Parkraum und Straßen sorgen. Der öffentliche Verkehr hingegen benötigt dringend eine Aufwertung: Das betrifft sowohl die Qualität des Reiseerlebnisses als auch den kontaktlosen Verkauf und die kontaktlose Kontrolle von Fahrkarten – beide Vorgänge müssen weiter digitalisiert werden. Und Reiseplanungen sollten noch stärker mit individuellen Fortbewegungsmitteln kombiniert werden können: Wie wäre es mit einer Rückkehr zum Autoreisezug?

Auf diese Weise könnten wir eines Tages auf die Corona-Krise nicht nur als Belastung zurückblicken, sondern als wichtigen Katalysator für eine pragmatische Mobilitätswende. Als Blaupause könnte dabei die Digitalisierung der Arbeitswelt oder Schulen dienen. Denn mit dem Lockdown war es quasi über Nacht möglich, dass Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten und Schüler in virtuellen Klassen unterrichtet werden.

Kurz & knapp:
Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Mobilitätskonzepte, die auf dem Ende der individuellen Fortbewegung fußen, nicht krisentauglich sind. Zugleich führt uns die Pandemie vor Augen, dass wir einige unserer persönlichen Reisegewohnheiten überdenken sollten.

ÜBER DIESEN AUTOR


Nico, 30, hat mit seiner Freundin die Stadt verlassen und ist in ein kleines Häuschen mit Garten in der Nähe von Hamburg gezogen. Die Frage, wie sie dort in Zukunft mobil sein können, ist für die junge Familie von großer Bedeutung.

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