Grüne Alternative für das Auto in der Stadt? Das Lastenfahrrad wird immer beliebter

Lastenräder sind im Vergleich zum Auto deutlich günstiger in Anschaffung und Unterhalt. Dank eines boomenden Marktes und immer mehr Anbietern eignen sie sich mittlerweile auch für immer mehr Aufgaben: vom Kindertransport über den Großeinkauf bis zum Miniumzug. Mit E-Motor werden sie sogar gefördert. Blogger Marc teilt Wissenswertes über die Welt der Lastenräder.

Noch vor ein paar Jahren waren Lastenräder selbst bei mir in Hamburg St. Pauli noch ziemliche Exoten. Meine Postbotin hatte eines und ein paar alternativ angehauchte Fahrradfreaks kutschierten mit diesen oft noch nach Marke Eigenbau aussehenden Kisten durch die Straßen. Mittlerweile hat sich das Bild aber stark verändert. Besonders für viele junge Familien scheint die Anschaffung eines Lastenfahrrades ganz oben auf der Liste zu stehen, sobald die Kinder in die Kita kommen. Es gibt sogar Fahrradläden, die sich nur auf den Verkauf von Lastenrädern – oder Cargo Bikes, wie es neudeutsch heißt – spezialisiert haben. Einer dieser Läden liegt nicht sehr weit von meiner Wohnung entfernt, an Wochenenden ist da immer so einiges los. Als ich mir neulich aus Neugierde die Nase an der Scheibe des Ladens plattgedrückt habe, kam ich mit dem Besitzer ins Gespräch. Er entpuppte sich wie ich als Techniknerd, und so kam es, dass wir uns zuerst über Fahrräder und E-Antriebe unterhalten haben und ich kurz darauf bereits zur spontanen Probefahrt eingeladen wurde. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Praxisbericht: Nichts für Kurvenliebhaber

Vor meiner ersten Ausfahrt mit einem Lastenrad war ich schon etwas gespannt, wie man mit einem so sperrigen Fahrrad durch den Stadtverkehr manövrieren soll. Und obwohl ich in der Stadt mit meinem Bike lieber mit Muskelkraft als mit einem E-Antrieb unterwegs bin, weil das Fahrrad dann leichter und wendiger bleibt, macht sich bei einem Lastenfahrrad der elektrische Anschub auf Anhieb äußerst positiv bemerkbar. Das ist auch kein Wunder, denn ein Lastenrad kann leer schon über 60 Kilogramm auf die Waage bringen. Mit Fahrer und Beladung kann das gesamte Gefährt schnell bei weit über 200 Kilogramm landen. Neben der Antriebsfrage hängen die Fahreigenschaften bei einem Lastenfahrrad darüber hinaus insbesondere von der Anzahl der Räder ab. Denn Lastenräder gibt es als Zwei- oder Dreiräder: Während Cargo Bikes mit zwei Rädern wendiger und leichter sind, haben Dreiräder den Vorteil, dass das Rad nicht umfallen kann, was das Handling des Fahrrads beim Be- und Entladen und Auf- und Absteigen wesentlich komfortabler macht.

Ich konnte sowohl mit einem Zwei- als auch mit einem Dreirad ein paar Proberunden hinlegen. Beide Modelle hatten übrigens einen E-Motor an Bord. Und wie fuhren sie sich? Vom reinen Fahrkomfort fand ich das Zweirad viel angenehmer zu fahren. Der große Vorteil: Obwohl es ein ganzes Stück länger war, ließ es sich viel besser steuern. Das liegt zum einen daran, dass man sich mit einem Lastenzweirad fast genauso in die Kurve legen kann wie mit einem normalen Fahrrad. Zum anderen ist es auch ein Stückchen schmaler, weshalb man im Stadtverkehr sogar engere Stellen einigermaßen passabel passieren kann. Mit einem Dreirad fährt man unweigerlich etwas gemütlicher und muss stärker aufpassen, nirgends anzuecken. Leider haben nach meinem Eindruck derzeit noch die wenigsten Lastenräder, die auf drei Reifen stehen, ein Differential oder gar eine Neigetechnik, um das Kurvenverhalten zu verbessern. Da viele dieser Lastenräder zum Kindertransport genutzt werden, ist das vielleicht aber auch gar nicht so dramatisch. Denn dabei kommt es nicht so sehr auf ein dynamisches Fahrverhalten, sondern vielmehr auf die Bequemlichkeit an. Und wer nur kurze Strecken zurücklegen muss, kommt mit einem Dreirad auch sehr gemächlich von A nach B. Für längere Strecken sind Zweiräder jedoch von Vorteil.

Worauf ihr beim Kauf eines Lastenfahrrads achten solltet

Wie bei normalen Rädern gibt es auch bei Cargo Bikes beim Preis große Unterschiede – je nach Ausstattung und Qualität der einzelnen Komponenten. Bei einem seriösen Fahrradhändler beginnen die günstigsten Modelle – ohne elektrische Unterstützung – im Preissegment etwas über 1.000 Euro, während ein top ausgestattetes Markenlastenrad mit E-Motor durchaus mit 5.000 bis 6.000 Euro zu Buche schlagen kann. Entscheidend für die Auswahl des richtigen Lastenfahrrads ist ganz klar seine Funktionalität: Wollt ihr es zum Transport eurer Kinder benutzen, als Taxi für eure Windhunde oder als Packesel für Einkäufe und andere Transporte? Aufgrund des Booms der Lastenräder findet ihr eine breite Palette von Spezialausstattungen und Zubehör, womit ihr die Cargo Bikes für die verschiedensten Zwecke tunen könnt. Der Lastenrad-Experte hat mir dazu den Tipp gegeben, dass Lastenräder nach seiner Erfahrung zwei potenzielle Schwachstellen haben: die Speichen und die Feststellbremse. Durch das erhöhte Gewicht müssen die Speichen bei einem Lastenfahrrad ganz andere Belastungen aushalten können als bei einem normalen Fahrrad. Nach seiner Aussage wird hier bei allzu günstigen Modellen schnell gespart, was sich dann in gebrochenen Speichen und teuren Reparaturen bemerkbar macht. Eine Feststellbremse benötigt ihr bei einem Lastenrad, damit das stehende Rad nach dem Abstellen nicht wegrollen kann. Sie ist also gewissermaßen das, was die Handbremse beim Auto ist. Und auch bei diesem Bauteil sparen manche Hersteller.

Lastenfahrräder sind häufig auch für Personentransport geeignet

Wenn ihr Kinder mit dem Lastenrad befördern wollt, werdet ihr die Anschaffung wahrscheinlich gegen die eines Kinderanhängers abwägen. Letztere sind nicht nur günstiger, sondern auch flexibler, da sie sich an verschiedene Fahrräder in eurem Haushalt anhängen lassen. Trotzdem kann sich die Anschaffung eines Lastenfahrrades lohnen: einerseits könnt ihr mit dem Lastenrad auch euren Wocheneinkauf erledigen, wo gerade bei Familien mit Kindern erfahrungsgemäß so einiges anfällt. Andererseits könnt ihr die Kinder im Lastenrad auch noch in einem höheren Alter mitnehmen, weil Lastenfahrräder ein höheres Zuladegewicht haben und sich die Kids nicht irgendwann den Kopf stoßen. In einigen Lastenrädern können sogar Erwachsene mitfahren. Freunde, die sich ein Cargo Bike für ihre Kinder gekauft haben, finden es außerdem angenehmer, dass sie die Kinder im Lastenfahrrad besser im Blick haben, weil sie vor ihnen sitzen, und sich deshalb im Verkehr besser fühlen. Unabhängig davon, ob ihr euch für einen Anhänger oder ein Cargo Bike entscheidet, solltet ihr auf eines jedoch immer achten: dass eure Kinder bequem und bestmöglich gesichert transportiert werden können.

Wie und wo Lastenfahrräder gefördert werden

Die Stadt Hamburg hat im Herbst 2019 ein Förderprogramm für Lastenfahrräder aufgelegt, das in diesem Jahr in die zweite Runde gehen soll. Und das fällt recht üppig aus: Bei E-Lastenrädern werden 33 Prozent des Kaufpreises bis zu einer Höhe von 2.000 Euro gefördert, bei normalen Lastenfahrrädern und Lastenrad-Fahrradanhängern beträgt die maximale Fördersumme 500 Euro. Diese Förderung steht in Hamburg sowohl Privatpersonen als auch Vereinen oder Gewerbetreibenden zur Verfügung – aber nur so lange die Fördersumme, das waren im Herbst 1,5 Millionen Euro, reicht. Ähnliche Programme gab oder gibt es auch in anderen Großstädten wie Berlin, München oder Köln. Das bedeutet: Wenn du dich für die Anschaffung eines Lastenfahrrades interessierst, lohnt es sich, im Netz danach zu recherchieren, ob deine Kommune den Kauf ebenfalls unterstützt. Wenn es ein Programm gibt, solltest du genau auf die Fristen achten, damit du rechtzeitig auf den Förderzug aufspringen kannst. Die Programme scheinen fast überall sehr gut anzukommen, so dass die Fördergelder nach den Infos, die ich dazu im Netz finden konnte, immer sehr schnell weg zu sein scheinen.

Fazit: Ist das Lastenfahrrad in der City eine Alternative zum Auto?

Wer ein Auto hauptsächlich dafür benötigt, um die Kinder in die Kita zu chauffieren oder Großeinkäufe zu erledigen, ist mit einem Lastenfahrrad sicherlich sehr gut aufgestellt. Es ist vergleichsweise günstig und sehr umweltfreundlich. Ein positiver Nebeneffekt beim täglichen Gebrauch des Lastenfahrrads ist außerdem, dass ihr auf diese Weise euer Bewegungspensum erhöht. Außerdem könnt ihr euch mit einem Cargo Bike die nervige Parkplatzsuche sparen – meines Erachtens der Stressfaktor Nummer eins für Autobesitzer in der City. Apropos Parkplatz: Was ihr bei diesem Thema allerdings wissen solltet ist, dass ihr Lastenfahrräder in der Stadt zwar überall dort abstellen könnt, wo ihr euer normales Fahrrad auch abstellt. Ihr müsst dabei allerdings darauf achten, dass ihr zum Beispiel auf dem Bürgersteig genügend Platz für Fußgänger lasst und keine Ausfahrten blockiert. Das ist manchmal gar nicht so einfach wie es sich anhört: In manchen Bereichen in meinem Viertel wird es durch abgestellte Lastenräder schon etwas eng. Hier ist meiner Meinung nach, die Politik gefordert. Das gilt gleichermaßen für die Fahrradwege: Wer mit einem Lastenfahrrad in der Stadt unterwegs ist, merkt noch viel stärker, dass das Fahrrad bei der Stadtplanung lange Zeit als Stiefkind behandelt wurde. Als frisch gebackene Lastenradfahrer solltet ihr euch deshalb im Stadtverkehr rechtzeitig auf das eine oder andere Frustrationserlebnis einstellen.

Kurz & knapp:
Ob zum Kinder-, Tier oder Lastentransport: Cargo Bikes werden in der Stadt immer beliebter. Die Preise beginnen jenseits der 1.000-Euro-Marke, mit E-Antrieb liegen sie um einiges höher. Dafür gibt es für Lastenfahrräder in einigen Städten staatliche Fördermittel. Durch ihren breiten Funktionsumfang und ein großes Angebot an Zubehör können sie das Auto in der Stadt für viele Menschen auf kurzen Strecken schon heute überflüssig machen.

Über diesen Autor

Marc, 46, lebt in Hamburg in Hafennähe. Klimaschutz ist ihm sehr wichtig. Er wünscht sich dabei oft aber eine Debatte, die stärker die Gestaltungsspielräume für unsere Zukunft auslotet.

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